
Der menschliche Organismus ist mit zwei Nieren ausgestattet, die verschiedene lebensnotwendige Aufgaben zu erfüllen haben. Die Hauptaufgabe der beiden im Durchschnitt nur zirka zwölf Zentimeter langen und zwischen 150 und 290 Gramm schweren Nieren besteht darin, das Blut zu filtern. Und so strömen innerhalb von 24 Stunden etwa 1 500 Liter Blut durch die Nieren. Die eigentliche Filtration wird dabei von den sogenannten Nephronen geleistet. Das Nephron besteht aus einem Nierenkörperchen (Glomerulus) und dem Nierenkanälchen (Tubulussystem) und bezeichnet die kleinste funktionelle Einheit der Niere.

Können die Nieren nicht plangemäß arbeiten beziehungsweise sind nicht mehr genügend funktionstüchtige Nephronen vorhanden, so ist ein Weiterleben nur durch den Ersatz der Nierenfunktion möglich.
Ursachen für eine Schädigung und Zerstörung der Nephronen gibt es viele. Es liegt in der Natur, dass im Laufe des Lebens Nephronen zu Grunde gehen, so dass ein hochbetagter Mensch, ohne dass er eine Nierenerkrankung durchgemacht hätte, mitunter nur noch über die Hälfte seiner Nephronen verfügt. Der Verlust kann jedoch meist durch die verbleibenden Nephronen ausgeglichen werden, so dass es beispielsweise möglich ist, mit nur einer gesunden Niere zu leben. Kritisch wird es, wenn die noch vorhandenen Nierenkörperchen die Blutreinigung nicht mehr ausreichend leisten können und infolgedessen die Abfallprodukte und Giftstoffe nicht mehr vollständig mit dem Harn ausgeschieden werden.
Ein solches Nierenversagen kann sich schleichend in Folge einer Nierenerkrankung über einen längeren Zeitraum entwickeln – man spricht in diesem Fall von chronischem Nierenversagen – oder akut auftreten.
Akutes Nierenversagen ist zumeist eine vorübergehende, behandelbare Beeinträchtigung der Nierenfunktion. Auslöser können unter anderem schwere Infektionen, starker Blutverlust, Schädigung des Nierengewebes durch Gifte oder auch die Störung des Harnabflusses durch einen Harnstein im Harnleiter sein. Hat man die Ursachen für die Funktionsstörung erkannt und behandelt, erholt sich die Nierenfunktion in den meisten Fällen, das heißt, die gesunden Nephronen können die erforderlichen Leistungen übernehmen.
Problematischer ist der chronische Krankheitsverlauf, bei dem langsam fortschreitend funktionsfähige Nephronen untergehen und die Nierenfunktion irreversibel geschädigt wird. Im ersten Stadium der Erkrankung, im sogenannten Latenzstadium, sind noch genügend Nephronen vorhanden, so dass die Einschränkung der Nierenfunktion häufig gar nicht bemerkt wird. Erst nach und nach macht sich die Störung durch einen erhöhten Gehalt an Harnstoff und Kreatinin im Blut bemerkbar. Allerdings können die noch gesunden Nephronen ihre Filtrationsleistung über einen gewissen Zeitraum erhöhen, so dass auch jetzt noch keine auffälligen Symptome auftreten. Erst in den nächsten Krankheitsstadien, wenn die Ansammlung von Harn und anderen Substanzen im Blut weiter ansteigt, kommt es zu Beschwerden und zu einer allmählichen Vergiftung des Körpers. Im Stadium der Urämie, so bezeichnet man die Harnvergiftung, können die Nieren ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Eine Nierenersatztherapie wird lebensnotwendig.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, um die Aufgaben der nicht mehr funktionstüchtigen Nieren zu ersetzen. Die erste Möglichkeit ist die künstliche Entgiftung des Körpers durch eine regelmäßige Blutwäsche, die Dialyse. Die zweite Möglichkeit besteht darin, eine gesunde Spenderniere zu transplantieren.
Die Dialyse wird aus gutem Grund auch als künstliche Niere bezeichnet. Man unterscheidet dabei zwischen der Hämodialyse, die außerhalb des Körpers stattfindet, und der Peritoneal- oder Bauchfelldialyse.
Bei der Hämodialyse wird das Blut über eine spezielle Kanüle aus einer Vene in einen Filter gepumpt. Dort durchläuft es ein Membransystem, mit dessen Hilfe die harnpfl ichtigen Substanzen aus dem Blut herausgefiltert werden. Das gereinigte und von Giftstoffen befreite Blut wird anschließend über eine zweite Kanüle in den Körper des Patienten zurückgeleitet. Bis das gesamte Blut die Filteranlage durchlaufen hat, dauert es etwa vier bis fünf Stunden.
In der Regel muss die Blutwäsche drei Mal pro Woche durchgeführt werden, so dass die Dialyse für die Patienten eine erhebliche zeitliche Belastung darstellt. Hinzu kommt die körperliche Belastung. Viele Patienten empfinden die Dialyse als anstrengend und haben mit Blutdruckproblemen, Übelkeit und Kopfschmerzen zu kämpfen. Die Lebensqualität eines Dialysepatienten ist demzufolge deutlich eingeschränkt.
Schonender als die Hämodialyse ist die langsame, kontinuierliche Entgiftung mittels der Bauchfelldialyse. Bei diesem Verfahren wird das Bauchfell als Filter genutzt. Dazu wird zunächst ein Katheter in den Bauchraum eingepflanzt, durch den eine spezielle Spüllösung in die Bauchhöhle eingelassen wird. Durch die Poren des gut durchbluteten Bauchfells treten die Giftstoffe aus dem Körper in diese Lösung über. In festgelegten Zeitabständen wird die mit Giftstoffen angereicherte Spüllösung ausgetauscht.
Die Bauchfelldialyse schränkt die Patienten deutlich weniger ein. Allerdings lässt bei manchen Patienten nach ein paar Jahren die Leistungsfähigkeit des Bauchfells nach. Außerdem kann es mitunter zu einer Bauchfellentzündung kommen.
Der beste Ersatz für eine nicht mehr funktionstüchtige Niere ist die Transplantation einer Spenderniere. Eine erfolgreiche Nierentransplantation erhöht die Lebensqualität und ermöglicht ein fast normales Leben. Vielfach ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz möglich. Jahr für Jahr werden in Deutschland etwa 2.300 Nierentransplantationen durchgeführt. Mehr als 10 000 Dialysepatienten stehen derzeit auf der Warteliste für eine Spenderniere.

Hat sich der Patient zur Transplantation entschlossen, sind zahlreiche Untersuchungen zur Vorbereitung auf die Nierentransplantation notwendig. Neben der Abklärung des allgemeinen Gesundheitszustandes und des damit verbundenen Operationsrisikos muss der Gewebetyp des Patienten festgestellt werden. Jeder Mensch hat einen speziellen Gewebetyp, der durch viele Merkmale bestimmt wird, unter anderem durch die Blutgruppe und die sogenannten HLA-Antigene. Je besser die Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen, desto größer sind die Chancen für eine erfolgreiche Transplantation und langjährige Funktion der Niere.
Um die optimal geeignete Spenderniere zu fi nden, werden die Daten des zur Transplantation geeigneten Patienten auf einer Warteliste bei EUROTRANSPLANT registriert. Sobald eine Spenderniere zur Verfügung steht, gleicht ein Computer die Gewebemerkmale mit den registrierten Patientendaten ab. Neben den Gewebemerkmalen, die als Kriterium für die Erfolgsaussicht gelten, werden als weitere Vermitt-lungskriterien bei EUROTRANS PLANT entsprechend dem deutschen Transplantationsgesetz (TPG) die Wartezeit eines Patienten berechnet und zusätzliche immunologische Faktoren in die Entscheidung einbezogen. Da eine Niere so schnell wie möglich transplantiert werden muss, um die Zeit mangelnder Blutversorgung (Ischämie-Zeit) so kurz wie möglich zu halten, spielen außerdem logistische Überlegungen eine Rolle. Dank eines speziellen, computergesteuerten Verfahrens kann inzwischen ein Organ schnellstmöglich an einen passenden Empfänger vermittelt werden.
In den USA wird mehr als die Hälfte aller Nierentransplantationen als Lebendspende durchgeführt. In der Bundesrepublik sind dies nur etwa 15 Prozent. In jedem einzelnen Fall sollte erwogen werden, ob nicht doch einer der Angehörigen oder jemand, der dem Betroffenen in besonderer Weise persönlich nahe steht, bereit ist, eine Niere zu spenden. Das deutsche Transplantationsgesetz erlaubt ausdrücklich diese Form der Nieren-Lebendspende auch unter Nichtverwandten.

Begreiflicherweise ist bei den derzeitigen Wartezeiten auf eine Transplantation die Lebendspende die einzige Möglichkeit, frühzeitig, möglicherweise sogar vor Einsetzen der Dialyse-Pflichtigkeit, transplantiert zu werden. Es gilt heute als gesichert, dass die Langzeitergebnisse einer Nierentransplantation besser sind, je kürzer die Dialysezeit vor der Transplantation war. Die besten Erfolge einer Nierentransplantation sind verständlicherweise zwischen genetisch identischen Geschwistern und Zwillingen zu erreichen. Aber auch Spenden von Eltern auf Kinder oder zwischen Geschwistern und auch zwischen Nichtverwandten haben deutlich bessere Kurz- und Langzeitfunktionsraten als Transplantationen von Verstorbenen. Es ist sinnvoll, das Thema der Lebendspende in der Familie eines Betroffenen zu diskutieren und sich kompetenten Rat beim Transplantationszentrum einzuholen.
Spenderorgan und Empfänger müssen unverzüglich ins Krankenhaus, in dem die Transplantation vorgenommen wird. Hier werden zunächst weitere Untersuchungen vorgenommen, um den aktuellen Gesundheitszustand des Patienten zu prüfen. Außerdem wird anhand einer erneuten Blutprobe vor Ort die Übereinstimmung der Gewebemerkmale kontrolliert. Sind alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transplantation erfüllt, kann die Operation beginnen. Der Eingriff selbst wird unter Vollnarkose durchgeführt und dauert etwa ein bis drei Stunden. Der Chirurg legt einen 15 bis 20 Zentimeter langen Schnitt im Unterbauch und verpfl anzt das Spenderorgan ins Becken des Patienten. Er verbindet die neue Niere mit den Blutgefäßen und schließt den Harnleiter an die Blase an.
Die meisten Patienten erholen sich nach dem operativen Eingriff rasch und die neue Niere beginnt schon bald zu arbeiten. Bis die transplantierte Niere ihre volle Funktion aufnimmt, kann es jedoch auch ein paar Tage dauern, die gegebenenfalls mit einer Dialyse überbrückt werden müssen. Treten keine weiteren Komplikationen auf, darf der Patient nach etwa drei Wochen das Krankenhaus wieder verlassen. Nun beginnt das Leben mit dem neuen Organ – ohne kräftezehrende Dialyse. Mit der dringend erforderlichen lebenslangen Einnahme von Medikamenten sowie regelmäßigen medizinischen Kontrollen wird man sich leicht arrangieren können.

Während der gesamten Zeit während und nach der Transplantation erhält der Patient immunsuppressive Medikamente, die eine Abstoßung des neuen Organs verhindern sollen. Eine akute Abstoßung kommt vor allem in den ersten drei Monaten nach der Transplantation vor. Es ist aber auch eine langsame chronische Abstoßung möglich, die zu einer schleichenden Verschlechterung der Funktion der transplantierten Niere führt. Eine lückenlose Immunsuppression, die in den ersten Tagen sehr hoch dosiert ist und anschließend individuell unter genauester ärztlicher Kontrolle auf den Patienten eingestellt wird, ist demzufolge lebensnotwendig. Eine weitere unabdingbare Voraussetzung für eine langzeitig erfolgreiche Transplantation ist die Mitarbeit des Patienten, der strikt darauf achten muss, die verordneten Medikamente lückenlos einzunehmen.
Es stehen verschiedene immunsuppressive Substanzen zur Verfügung, die mit ganz unterschiedlichen Wirkmechanismen in die Immunreaktion eingreifen und eine Abstoßung verhindern. Welche Medikamente in welchen Dosierungen und Zusammensetzungen gegeben werden, hängt vom akuten Abstoßungsrisiko und vom Gesundheitszustand des Patienten ab. Es haben sich für die verschiedenen Organe bestimmte Therapieschemata bewährt, doch werden die behandelnden Ärzte im Transplantationszentrum für jeden Patienten einen individuellen Therapieplan erstellen.
Siehe auch
Optimale Immunsuppression
Der Erfolg einer Nierentransplantation ist von vielen Faktoren abhängig. Ganz wichtig sind die optimale Dosierung der immunsuppressiven Medikamente und die regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen. Auch die Immunsuppression ist letztlich immer eine Gratwanderung: Auf der einen Seite muss eine effektive Therapie gegen die Organabstoßung, auf der anderen Seite die bestmögliche Erhaltung eines funktionierenden Immunsystems gewährleistet sein. Der Patient sollte sein Immunsystem nicht unnötig belasten und muss beispielsweise darauf achten, dass er bestimmte Hygienemaßnahmen einhält und sich nicht leichtsinnig einem Infektionsrisiko aussetzt.

Deshalb wird allen Patienten, die immunsuppressiv behandelt werden, empfohlen, einmal jährlich eine komplette Untersuchung beim Hausarzt durchführen zu lassen und die angebotenen Tumorvorsorgeuntersuchungen engmaschig einzuhalten. Damit lässt sich das Risiko beträchtlich reduzieren.
Es ist nachgewiesen, dass Patienten, die regelmäßig zu den Kontrollen kommen, ihre Medikamente genau im vorgeschriebenen Maß einnehmen und auf ihren Gesundheitszustand achten, deutlich längere Transplantationsfunktionsraten haben. Daher ist die Mitarbeit des Patienten bei der Behandlung, aber auch ein Verständnis der Zusammenhänge unumgänglich.

Abgesehen von den medizinischen Vorsichtsmaßnahmen kann der Patient die durch die Transplantation gewonnene neue Lebensqualität genießen und in ein „normales“ Leben zurückkehren: In den meisten Fällen ist eine Wiedereingliederung in das Berufsleben wahrscheinlich, es muss in der Regel keine Diät mehr eingehalten werden, und sportliche Aktivitäten wie Wandern oder Radfahren sind ebenso wieder möglich wie das Reisen. Wichtig ist, sich gut auf die einzelnen Unternehmungen vorzubereiten und mit dem behandelnden Arzt stets die Medikamenteneinnahme zu besprechen.
Alle diese neu zu gewinnenden Freiheiten und die ermutigenden Langzeitprognosen zu den Funktionsraten des neuen Organs geben berechtigten Grund zu Optimismus, so dass man letztendlich sagen kann: Die Transplantation schenkt eine neue Lebensperspektive.
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